Wim Bosch : visual art / photography

...And yet, Bosch's pictures are not meant to be any superficial social criticism. He describes
phenomena very objectively, thus providing the viewer with a possibility to observe and
learn on his own. Nevertheless, the formal language of his photographs goes beyond
mere documentation. Generally valid construction principles, such as regularly composed
structures and colors, also always serve as his basis for selecting the details to be excerpted.
A quote by Karl Kraus seems apt in this respect: "Art is what the world becomes, not what
the world is"...

 

Texts catalogue by Gudrun Thiessen Schneider and Markus Weckesser, german/english


...And yet, Bosch's pictures are not meant to be any superficial social criticism. He describes

phenomena very objectively, thus providing the viewer with a possibility to observe and

learn on his own. Nevertheless, the formal language of his photographs goes beyond

mere documentation. Generally valid construction principles, such as regularly composed

structures and colors, also always serve as his basis for selecting the details to be excerpted.

A quote by Karl Kraus seems apt in this respect: "Art is what the world becomes, not what

the world is"...more

 

Texts catalogue by Gudrun Thiessen Schneider and Markus Weckesser, german/english

 

Vorwort

Im Mai 2013 durchstreifte Wim Bosch mit zwei seiner Studenten einige Straßen in Neuenhaus,

um Spiegelungen in Fenstern zu fotografieren. Es waren Vorarbeiten zur Ausstellung

silica valley“, die im vorliegenden Katalog dokumentiert ist.

Kaum ein Motiv bietet dem Künstler so viel Raum zum Experimentieren wie das Fenster.

Es ist als bildnerisches Mittel besonders geeignet, die Verbindung von Innen- und Außenwelt

oder die Mehrschichtigkeit von Dingen und Erscheinungen sichtbar zu machen.

Das rechteckige Fenster gilt seit langem als Metapher für „Bilder“, denn sie gleichen dem

Blick durch ein geöffnetes Fenster, das nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit sichtbar

macht. Auch in manchen Filmszenen verdichtet sich die Handlung in einem Fenster; der

Betrachter sieht dort den erhellenden Ausschnitt, der ihm eigentlich verborgen sein sollte.

In der Kunstgeschichte gibt es Fensterbilder, die Blicke von innen nach außen oder von

außen nach innen thematisieren. Wim Bosch setzt diese Tradition durch die Wahl neuer

Perspektiven fort und verbindet beide Blickrichtungen miteinander.

In seiner für den Kunstverein geschaffenen Fotoserie „silica valley“ konzentriert er sich

allein auf das Fenster und dessen formale Ähnlichkeit mit der gerahmten Bildtafel. Damit

lenkt er den Blick auf eine transparente Vermischung von innen und außen, auf das

Verschmelzen von Raum und Fläche.

Vor sieben Jahren zeigten wir Arbeiten aus Wim Boschs Serie „Spellbound“. Damals lag

sein Arbeitsschwerpunkt auf der digitalen Fotomontage. Seit einiger Zeit verzichtet er auf

das Prinzip der Montage und findet in der Realität Sujets, die im direkten fotografischen

Abbild als solche erscheinen.

Sein Künstlerleben begann Bosch als Maler. Farben, Raster, Gitter und Netze sind seither

seine bevorzugten stilistischen Mittel. Später tauschte er den Pinsel mit Kamera, Computer

und Großformatdrucker. In der Hinwendung zum Blick durch den Sucher der Fotokamera

sah er weitaus mehr Möglichkeiten, das zu verwirklichen, was ihn zum Bild drängt.

Mit dem Ausstellungstitel „silica valley“, frei übersetzt „Tal aus Sand“, weist Wim Bosch

zum einen auf die Tatsache hin, daß Straßen und Gebäudefassaden zum größten Teil

aus Kieselerde (SiO2) bestehen – also vergänglich sind –, und zum anderen auf die

gedankliche Verbindung zu „Silicon Valley“ (USA), dem Symbol für elektronische Technologien,

die unser Leben und auch die Fotografie grundlegend verändert haben.

Neben seinem erzählerischen Interesse an Fenster- und Fassadenbildern sieht Wim Bosch

in dieser Serie auch Bezüge unserer Alltagsästhetik zur abstrakten Kunst und Architektur

des 20. Jahrhunderts – insbesondere zur niederländischen De Stijl-Bewegung. Auch hier

wurde dem konstruktivistischen Gestaltungsprinzip Raster ein bevorzugter ästhetischer

Wert beigemessen.

Mit der raumfüllenden und direkt auf die fenstergrau gestrichenen Wände montierten

Collage „silica valley“, den „Neuenhaus-Fensterportraits“, fügt er seinem bisherigen

Werk eine neue Dimension hinzu. Wir betreten einen Raum, der den Straßenraum nach

innen holt und somit das traditionelle Fensterbild quasi „spiegelt“. Eine Ausnahme jedoch

soll das Phänomen der Spiegelung erläutern und gleichzeitig für einen Dopplereffekt

sorgen: es ist die mit spiegelndem Fensterglas gerahmte Arbeit „Blow Up“ (siehe Cover).

Sie lehnt an der Wand (siehe S. 20) und spiegelt in Echtzeit den beständig in wandelndes

Licht getauchten Ausstellungsraum. Der Kunstverein ermöglicht das Experiment und wird

somit auch zum Impulsgeber für die weiterführende Arbeit des Künstlers.

In der Serie „Playhouse“ zeigt Bosch, wie bunte Plastikspielhäuser die Erwachsenenwelt

simulieren bzw. sie im Spiel vorwegnehmen. Die Spielhäuser sind in Schwarz-Weiß umgesetzt

und in ihren realen Größen nicht zu definieren, da räumliche Bezüge fehlen. Diese

Bestandsaufnahme beinhaltet eine deutliche Kritik an der ästhetischen Uniformierung der

Gesellschaft schon während der Kindheit. So können wir in allen Arbeiten Boschs vielleicht

auch einen Hinweis auf den Verfall oder die Pluralität sozialer Werte sehen und uns

die Frage nach dem ästhetischen Bewußtsein der Erbauer von Wohnhäusern und seiner

Bewohner stellen.

Dennoch wollen seine Bilder keine oberflächliche Gesellschaftskritik sein. Ganz sachlich

beschreibt Bosch Phänomene und bietet so dem Betrachter die Möglichkeit zu eigener

Beobachtung und Erkenntnis. Die formale Sprache seiner Fotografien geht allerdings über

das bloße Dokumentieren hinaus. Allgemeingültige Konstruktionsprinzipien wie reguläre

Ordnungen und Farben sind neben der Freude am Erzählerischen immer auch Grundlagen

für seine Wahl des Ausschnittes. In Anlehnung an ein Zitat von Karl Kraus:

„Kunst ist das, was Welt wird, nicht das, was Welt ist“.

Ermöglicht wurden Ausstellung und Publikation durch die Unterstützung des Niedersächsischen

Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, der Stadt Neuenhaus sowie durch das

anhaltende Engagement der Mitglieder des Kunstvereins und des Kunstverein-Teams.

Markus Weckesser führte das Interview und Elizabeth Volk übersetzte ins Englische.

Ihnen, besonders aber Wim Bosch, gilt mein Dank.

Gudrun Thiessen-Schneider

 

Foreword

In May of 2013, Wim Bosch roamed some of the Neuenhaus streets with two of his

students in order to photograph reflections in windows. This constituted the preliminary

work undertaken for the exhibition documented in this catalogue, "silica valley".

Hardly any other motif affords an artist as much space for experimentation as the window

does. As a pictorial means, it is particularly suited for making visible the connection

between interior and exterior worlds or the ambiguity of things and phenomena.

For a long time now, the rectangular window has been regarded as a metaphor for

"pictures", since the latter are like gazing through a window opening out onto only a

small excerpt of reality. Sometimes in film scenes as well, the plot thickens with the view

through a window; there the viewer glimpses a telling excerpt of something otherwise

actually meant to be hidden from him. In art history, there are window pictures that make

a theme of gazing from the inside to the outside or from the outside to the inside. Wim

Bosch carries on this tradition with his choice of new perspectives, connecting both

viewing directions with each other.

In "silica valley", the series of photographs the artist created for the Kunstverein, he

concentrates solely on the window and its formal resemblance to a framed panel painting.

In doing so, he focuses the view on a transparent mixing of inside and outside, on the

blending of space and surface.

Seven years ago, we showed works from Wim Bosch's "Spellbound" series. Back then his

emphasis was mainly on digital photomontage. For quite some time now, he has dispensed

with the montage as a principle to find subjects in real life that appear directly as such

in the photographic image.

Bosch began his artistic career as a painter. Colors, grids, screens, and nets have been his

stylistic means of preference ever since. Later on, he traded his brush for a camera,

computer, and large-format printer. By turning to the gaze through the camera viewfinder,

he saw far more possibilities for realizing what it was that compelled him to create

a picture.

With the exhibition title "silica valley", this "valley of sand", Wim Bosch points on the one

hand to the fact that streets and building facades are mostly made of silica (SiO2) - and

hence, they attest to their transient nature. And on the other hand, he plays upon "Silicon

Valley" (USA), the symbol for electronic technologies that have fundamentally changed

our life, but also photography as well.

In addition to his interest in pictures of windows and facades, Wim Bosch also views in this

series the relationships of our everyday aesthetics to abstract art and architecture of the

20th century – particularly to the Dutch "The Style" movement. Here, too, aesthetic

importance was attached to the creative, constructivist principle.

With the space-filling collage "silica valley“, the "Neuenhaus-Window Portraits", mounted

directly on the walls painted in a window gray, the artist adds a new dimension to his

previous work. We enter a room that brings the space of the street to the inside, thus

"mirroring", so to speak, the traditional window picture. An exception, however, is meant

to explain the phenomenon of reflection and simultaneously provide a Doppler effect: it is

the work "Blow Up" (see cover), framed with reflective window glass.

It leanes against the wall (see page 20) and reflects in real time the exhibition room

bathing constantly in the changing light.

The Kunstverein has made this experiment possible, and serves as an impetus for the

artist's continuing work.

In the "Playhouse" series, Bosch shows how colorful plastic playhouses simulate the adult

world, or rather how they anticipate it in play. The playhouses have been executed in

black and white and their actual sizes may not be determined due to the lack of spatial

references. Such stocktaking is a clear criticism of the tendency toward making society

aesthetically uniform as early as childhood. Therefore, in all of Bosch's works we perhaps

detect a hint of the decay or of the plurality of social values and are ourselves able to

question the aesthetic consciousness of the builders of housing and their occupants.

And yet, Bosch's pictures are not meant to be any superficial social criticism. He describes

phenomena very objectively, thus providing the viewer with a possibility to observe and

learn on his own. Nevertheless, the formal language of his photographs goes beyond

mere documentation. Generally valid construction principles, such as regularly composed

structures and colors, also always serve as his basis for selecting the details to be excerpted.

A quote by Karl Kraus seems apt in this respect: "Art is what the world becomes, not what

the world is".

This exhibition and publication were made possible through the support of the Ministry

for Science and Culture of Lower Saxony, the City of Neuenhaus, as well as the ongoing

dedication of the members of the Kunstverein and its team. Markus Weckesser conducted

the interview, and Elizabeth Volk supplied the translation. To them all, but especially to

Wim Bosch, I express my gratitude.

Gudrun Thiessen-Schneider

 

Markus Weckesser im Gespräch mit Wim Bosch

W.Vor gut sieben Jahren zeigten Sie hier in Neuenhaus eine Serie mit Fotografien von Innen-räumen. Die neuen Arbeiten der Reihe „Silica“ zeigen nun Blicke von außen. Menschen sind nicht mehr zu sehen.

Auf die Anwesenheit des Menschen wird lediglich indirekt verwiesen. Wir sehen, was der Mensch geschaffen hat, nicht aber ihn selbst. Durch die Personen und die Einrichtungsgegenstände haben meine Bilder mehr an narrativer Qualität gewonnen, was durchaus so beabsichtigt war. Doch seit meinem Abschluss an der Kunstakademie pendelt meine Arbeit ständig zwischen dem mehr Erzählerischen und dem Formalen hin und her. Auch bei der neuen Serie geht es vorwiegend um die formale Frage, wie wir unsere Umwelt gestalten. Und trotzdem sind die Bilder nicht rein dokumentarisch.

Erzählt uns die Gestaltung der Fassaden und Fenster nicht auch etwas über die Menschen,

die dort wohnen?

B.Das schon. Ich rege durch meine Bilder gerne zu Geschichten an. Jedoch nicht meine

eigenen, sondern die des Betrachters. Ich sehe mich eher als einen Initiator, der den Betrachter zum

Ko-Autor macht.

W.Welche Rolle spielt die regionale Architektur?

Eigentlich keine besondere. Die Unterschiede zwischen niederländischer und belgischer Wohnbauweise sind nicht groß. Dass in unserem Land die Fenster eher ohne Gardinen sind, war vielleicht vor 20 Jahren so. Ich glaube aber nicht an diese angeblichen Unterschiede. Die vorstädtischen Straßenansichten in Groningen, wo ich lebe, unterscheiden sich nicht groß von denen hier in Neuenhaus. Man sieht viele unterschiedliche Details, mit denen sich die Bewohner ihre Welt gestalten. Erstaunlich ist, welche Fenster sie einbauen und wie sie diese dekorieren. Ganz zu schweigen von der Gartengestaltung. Offensichtlich handelt es sich einerseits um eine Form des persönlichen Ausdrucks und andererseits um die Abhängigkeit von der jeweils angesagten Mode und dem Angebot der Heimwerkermärkte.

Der durchschnittliche Hausbesitzer möchte eben dazugehören und nicht aus der Gemeinschaft herausfallen.

Dabei handelt es sich auf Ihren Bildern zumeist um Häuser der Nachkriegszeit. Was macht diese Architektur für Sie so bildwürdig?

Über meine Vorliebe für die Architektur der 50er und 60er Jahre bin ich selbst erstaunt. Das mag mit dem modernistischen und optimistischen Blick zusammenhängen, den die Leute damals hatten. Vielleicht bin ich da ein wenig romantisch veranlagt, was sich an den großen Fenstern, Farben, Kacheln

und anderen Details ablesen lässt.

W.Konzentrieren Sie sich deshalb auf Wohnhäuser?

B.Viele von uns leben in Wohnhäusern. Sie sind uns vertraut und sie verbinden uns. Abgesehen von

unserer Kleidung könnte man Häuser als unsere zweite Haut bezeichnen. Aber ich gehe bei der Auswahl nicht wie ein Konzeptkünstler vor, da mein Interesse, wie gesagt, vor allem formaler Art ist.

Ich nehme mich stattdessen wie ein Anthropologe zurück und versuche Häusern wie ein Fremder mit Distanz zu begegnen. An der Architektur der Häuser bin ich im Grunde nicht interessiert. Häuser sind für mich nur ein Mittel, eine Metapher. Im Grunde dreht sich die ganze Ausstellung um Fragen der Wahrnehmung. Wie wir auf diese Bilder sehen, ist für mich eine Metapher für das Leben.

W.Achten Sie auf die Farbigkeit der Häuser?

B.Das ist etwas, was ich bei der Aufnahme so gar nicht wahrnehme. Die Farben finde ich vor. Erst später, im Studio, entdecke ich Kombinationen von Farben und Oberflächen. Auf den zweiten Blick sehe ich dann oft neue Verbindungen. Aber Farbflächen interessieren mich eigentlich eher weniger. Sie sind für mich auch ohne symbolische Bedeutung. Licht bedeutet mir mehr als Farbe. Mich interessiert, wie das Licht die Oberfläche gestaltet.

W.Die Hängung als Block bildet ein Raster, das mit den Fassaden korrespondiert. Wie beeinflussen Gliederungen unsere Wahrnehmung?

B.Ein Raster ist eine Möglichkeit, die Welt zu verbinden, es ist eine Erscheinungsform der Wirklichkeit. Keine organische Form, sondern eine konstruierte. Wenn wir auf den Computer schauen, sehen wir Raster. Sogar wenn wir auf unser Smartphone schauen, sehen wir Raster. Über Kacheln und Apps ordnen wir Informationen. Texte besitzen ebenfalls die Struktur von Rastern. Das Bildraster ist eine Metapher für die reale Welt, in der wir von Rastern umgeben sind. In meinen Arbeiten wiederum versuche ich, diese Welt zu dekonstruieren.

W.Im Gegensatz zum „Silica“-Block sind die in Neuenhaus aufgenommenen Bilder wie Browserfenster angeordnet. Ist das beabsichtigt?

B.Nein, eher nicht, auch wenn es eine schöne Beobachtung ist. „Silica“ erfordert den mikroskopischen Blick. Man muß nah herangehen, um Details zu erkennen. Der Teufel steckt im Detail, wie man sagt.

Die Hängung der neuen Bilder beschreibt eine Bewegung und fordert den Betrachter auf, zurückzutreten und sich ebenfalls zu bewegen. Die Fenster sind regelrecht herangezoomt. Wie auf einer Vergrößerung sieht man einzelne Dinge ganz deutlich. Es ist paradox, aber im gleichen Moment verwirrt uns

der Blick auf ein Fenster, da es reflektiert und wir nicht hindurchschauen können. Das an der Wand lehnende Bild in der Ausstellung hat die gleiche Funktion. Es zoomt zwar ein Hausfenster heran, aber der Betrachter kann trotzdem so gut wie nichts erkennen.

W.Die Wirklichkeit verschwimmt...

B.Ja, es ist schwierig, einen Punkt zu fokussieren. Man wird abgelenkt von den anderen Fenstern, die einander überlappen. Es fällt kaum auf: Die meisten Fenster sind auf den Bildern kleiner als in der Wirklichkeit. Erst wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, fällt der Unterschied auf. Obwohl die Drucke kleiner sind, lässt sich die gesamte Wand nicht auf einen Blick erfassen. Wie im Alltag wird unsere Aufmerksamkeit ständig von etwas anderem abgelenkt. Oft erledigen wir mehrere Dinge gleichzeitig. Dabei wünschen wir uns doch, die Kontrolle zu behalten. Und das gilt für mich als Künstler ebenso wie für den Betrachter.

W.Dennoch legen Sie dem Betrachter quasi visuelle Stolpersteine in Weg.

B.Den Betrachter zu verwirren ist, wie ich glaube, die einzige Möglichkeit, dessen Wahrnehmung zu hinterfragen. Vielleicht auch, indem man das Publikum – dem griechischen Philosophen Plato gleich – mit einer Frage konfrontiert, ihm also eher Fragen stellt als Antworten zu geben. Für mich gibt es keine Antworten. Mich interessiert der Prozess des Suchens und Strebens.

W.Zumindest die graue Wandfarbe sieht vertraut aus, oder?

B.Es ist eine RAL-Farbe, 7040 (eine normierte Farbe), die ironischerweise Fenstergrau heißt und der grauen Hintergrundfarbe in Bildbearbeitungsprogrammen ähnelt. Dass wir die Ausstellungswand damit gestrichen haben, hat pragmatische Gründe: Im Kunstverein wechselt das Licht den ganzen Tag über und schafft neue Lichtsituationen. Das RAL-Grau im Hintergrund lässt das Schwarz der Bilder als Schwarz und das Weiß als Weiß erkennen.

W.Was ist mit dem Ausstellungstitel „Silica Valley“ gemeint?

B.Der Titel ist mehrdeutig und irgendwie auch ironisch. Silizium ist zunächst einmal ein chemisches Grundelement. Als eines der am häufigsten verwendeten Materialien auf der Welt wird es zur Produktion von Glas, Zement und Hauswänden benötigt. Wenn man sich unsere Städte anschaut, ähneln sie Bergen und Tälern. Durch eine Stadt zu gehen ist wie der Gang durch eine von Menschen geschaffene Natur. Mich fasziniert, dass in der Natur und in den Straßen unserer Städte dasselbe Baumaterial steckt. Eben weil Silizium im Natürlichen wie im Künstlichen steckt, ist die Unterscheidung von Natur und Kultur schwierig.

W.Ist der Verweis auf Silicon Valley mehr als nur ein Wortspiel?

B.Sicherlich. Die im Silicon Valley ansässigen Computer- und Internetfirmen haben in der vergangenen Dekade eine Technologie entwickelt, die unseren Blick auf die Welt und deren Wahrnehmung grundlegend verändert hat. Silicon Valley ist ein Sinnbild für diese Entwicklung, die unseren Blick verändert hat. Es ist ein Symbol für den Wandel, wie wir die Fotografie in den vergangenen zwei Dekaden als Medium genutzt haben. Mit meiner Arbeit untersuche ich, wie wir sehen und wahrnehmen. Wir sehen zwar die Dinge, aber wir verarbeiten die Informationen nicht mehr richtig weiter.

W.In den Spielhäusern steckt keine digitale Technik aus dem Silicon Valley. Spielhäuser für Kinder tragen eigentlich knallige Plastikfarben. Warum sind die Fotos Ihrer Serie "Playhouse" schwarzweiß?

B.Ohne Farbe sieht das Material eben nicht mehr wie Plastik aus. Auf meinen Fotos könnte es auch Marmor sein. Das Baumaterial wirkt dunkler, finsterer und schafft Distanz. Man könnte sagen, dass Schwarz-Weiß die Objekte in die Welt der Erwachsenen transferiert. Spielhäuser verstehe ich als eine Art Vortraining für das Erwachsensein. Das klingt vielleicht etwas dramatisch. Aber jeder lernt doch bereits in der Kindheit eine Rolle zu spielen.

Im Hinblick auf die Atmosphäre, das Licht, den Hintergrund und die Requisiten ist die Serie „Playhouse“ wieder erzählerischer und kommt vielleicht meinen früheren Arbeiten näher.

 

Markus Weckesser  talks with Wim Bosch

W.A good seven years ago, here in Neuenhaus you exhibited a photograph series of interiors. With your recent works from the "Silica" series, you now show views from the outside.

There are no longer any people in the pictures.

B.There are only indirect references to human presence. We see what man has created, but not the person himself. Because of the people and the furniture items, my pictures have gained an increasingly narrative quality, which had certainly been intentional. Due to the presence of persons and furniture items in my recent photos, they had a more narrative quality. But since graduating from the Art Academy, in the long term, my work has come to switch back and forth constandly between focusing on the formal or the more narrative aspects. With the new series as well, it is largely about the formal question of how we design our environment. And yet, the pictures are not purely documentary.

W.Doesn't the design of the facades and windows also tell us something about the people

who live there?

B.Yes, it does. I like it when my pictures trigger stories. Not my own stories, though, but those of the viewer. I see myself as more of an initiator of stories, who makes the viewer his co-author.

W.What role does the regional architecture play?

B.Actually, not a very strong role. The differences between the Dutch and Belgian ways of building housing are not great. That in our country the windows tend to have no curtains is something, which was true 20 years ago maybe. I do not believe, however, that these purported differences exist.

The suburban street views in Groningen, where I live, are not completely different from those here in Neuenhaus. You see many different details in the way the residents design their world. It is surprising what windows they install and how they decorate them. Let alone speak of the way they design their gardens. Apparently, on the one hand, this is a form of personal expression and on the other hand, it is dependent upon the respective style in fashion and what is on sale at the do-it-yourself stores. After all, the average house-owner wants to be a part of such a local community and not be left out of the loop.

W.In all of this, your pictures are mostly of post-war housing. What makes this architecture so worthwhile for you to photograph?

B.Even I am surprised by my predilection for architecture of the 1950s and 60s. This may have to do with the modernistic and optimistic views people had back then. Perhaps I am a little bit romantic about the things I read into the large windows, colors, tiles, and other details.

W.Is this why you concentrate on residential buildings?

Many of us live in residential buildings. They are familiar to us and they connect us with one another. Besides our clothing, we could call houses our second skin. In making my choice, however, I do not proceed like a conceptual artist since, as I said before, my interest is primarily formal in nature. Instead,

I withdraw like an anthropologist and try to encounter houses like a stranger, from a distance. In principle, I am not interested in the architecture of the houses. Houses, for me, are only a means, a metaphor. Basically, this entire exhibition centers on questions of perception. For me, the way we look at these pictures is a metaphor for life.

W.Do you pay attention to the colorfulness of the houses?

B.That's something I don't really register when I am taking the picture. These colors are a given.

Only later, in the studio, do I discover the combinations of colors and surfaces. At second glance then,

I often see new connections. But color surfaces do not really interest me so much. Also, they have no symbolic meaning. Light means more to me than color does. I am interested in how light shapes the surface.

Hanging the works in a block forms a grid that corresponds with the facades.

W.How does a structured display influence our perception?

B.A grid is a possibility of interconnecting the world. It is an outward image of reality. It is not an organic form, but a constructed one. When we look at the computer, we see grids. Even when we look at our Smartphones, we see grids. We structure information using tiles and Apps. Texts also display grid structures. The picture grid is a metaphor for the real world where we are surrounded by grids.

In my works, I try in turn to deconstruct this world.

W.Unlike the Silica-Block, the pictures you took in Neuenhaus have been arranged

like browser windows. Is this intentional?

B.No, not really, even though this is a nice observation. Silica calls for the microscopic view. You have to get up close to recognize the details. The devil is in the details, so they say. The hanging of the new pictures describes a movement and prompts the viewer to step back and move as well. The camera literally zooms in on the windows. Like an enlargement, we see individual things very clearly. It is a paradox, but at the same time, the gaze at a window confuses us because of its reflecting glare, and because we are unable to look through it. The picture leaning against the wall in the exhibition has

the same function. Although it zooms in on a house window, nevertheless the viewer is unable to recognize much of anything at all.

W.Reality blurs…

B.Yes, it is difficult to focus on anything. You get distracted by the other windows that overlap one another. You hardly notice it, but on the pictures, most of the windows are smaller than they are in

real life. Only if someone calls your attention to it, does the difference become clear. Although the

prints are smaller, still it is not possible to take in the entire wall at a single glance. Just like in everyday life, our attention is constantly being diverted to something else. Often, we do several things at the same time. And in the process, we try to remain in control. And this also applies to me as an artist

and to the viewer as well.

W.And yet, you sort of place visual stumbling blocks in the viewer's way.

B.Confusing the viewer is, I believe, the only possibility for challenging his or her perception. Perhaps also by confronting the public with a question - the way the Greek philosopher Plato did, - i.e., asking questions instead of giving answers. For me, there are no answers. I am interested in the process of searching and striving.

W.At least, the gray wall color looks familiar, doesn't it?

B.This is a RAL 7040-color (a standardized color), ironically referred to as window rray, and which is similar to the gray background color in image editing programs. We painted the exhibition wall this color for practical reasons: at the Kunstverein, the light changes throughout the day, creating new light situations. The RAL-gray in the background allows us to recognize the black of the pictures as black and the white as white.

W.What does the name of the exhibition, Silica Valley, mean?

B.The title is ambiguous, and somehow ironical. Silica is, first of all, a basic chemical element. As one of the most frequently used materials in the world, it is needed in the production of glass, cement, and house walls. If you take a look at our cities, they resemble mountains and valleys. Walking through a city is like going through a nature created by man. I am fascinated by the fact that the very same building material is found in nature as well as in streets of our cities. And precisely because silica is an ingredient in both natural and artificial things, it is hard to differentiate nature from culture.

W.Is the reference to Silicon Valley more than merely a play on words?

B.Certainly. Over the past decade, the computer and Internet industries based in Silicon Valley have developed a technology that has fundamentally changed our view to and perception of the world. Silicon Valley is emblematic, almost symbolic, for this development that has changed our view and the way we have used photography as a medium in the past two decades. With my work, I examine the way we see and perceive. Granted, we see things, but we no longer correctly process their information.

W.The playhouses from your series by the same name do not contain any digital technology from Silicon Valley. Typical of playhouses are the loud colors of the plastic. Why are your photographs in black and white?

B.Without color, the material simply no longer looks like plastic. On my photographs, it might just as well be marble. The building material appears darker, more sinister, and it creates more distance. We might say that the black and white transfers the objects to the adult world. I see playhouses as a sort of

pre-training for adulthood. Perhaps this seems a little dramatic. But each of us already learns to play a role in childhood. For me, it all has to do with the atmosphere, the light, the background and the props. In my eyes, the Playhouse series is more narrative and therefore, those pictures are maybe more closely related to my earlier works.

 

 

 

 

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