Wim Bosch : visual art / photography

...Wim Bosch im Kunstverein Grafschaft Bentheim, by Stefan Rasche
Und wieder spürt man den Blick des Malers im Fokus der Kamera, denn bei allem Reichtum an Details verwandeln sich die alltäglichen Architekturen in eine große, fast abstrakte Komposition aus Rastern und farbigen Flächen...

Wim Bosch im Kunstverein Grafschaft Bentheim, Neuenhaus


Wenn Wim Bosch mit der Kamera in der Stadt unterwegs ist, interessieren ihn vor allem Fenster und Fassaden als Grenzorte zwischen privatem und öffentlichem Raum. Jetzt gastiert der niederländische Künstler im Kunstverein Grafschaft Bentheim, wo er bis Ende Dezember aktuelle Arbeiten zeigt – darunter die in Neuenhaus entstandene Fotoserie „Silica Valley“. Zu sehen sind Aufnahmen von Fenstern, die der Künstler rahmenlos, einander überlappend auf grau gestrichener Wand anordnet. Was aber hat es mit dem Titel auf sich, nach dem Bosch seine komplette Ausstellung benennt?


„Silica“ verweist auf Siliziumdioxid, eine Grundsubstanz für Werkstoffe wie Glas oder Zement, die man beim Häuserbau verwendet. Zugleich spielt der Titel auf „Silicon Valley“ an, den legendären Standort der IT-Industrie südlich von San Francisco. Tatsächlich bearbeitet Bosch seine Fotos digital – und arrangiert sie hier wie eine Collage aus lauter geöffneten Browser-Fenstern. Damit ist man schon mittendrin in jenem dichten Gedankengebäude, durch das der Künstler uns führt. Denn das Fenster ist eine universelle Metapher für unsere Wahrnehmung und visuelle Kommunikation, angefangen vom menschlichen Auge über das Objektiv des Fotoapparats bis hin zum Fernseher, zum Computer als „Fenster zur Welt“.


Was das reale Fenster als Öffnung in der Wand betrifft, gibt es jedoch große Unterschiede zwischen den Niederlanden und Deutschland: Kann man dort meist ungehindert von der Straße in die Wohnungen schauen, bleiben Einblicke hierzulande oft verwehrt. Und genau diese gebrochenen Situationen faszinieren Wim Bosch: Das Fenster wird zum Ort diffuser Übergänge – mit seinen Spiegelungen auf der Scheibe, den Topfblumen auf der Fensterbank, mit Gardinen und Jalousien, die wie Filter wirken. Dass Bosch zunächst Maler war, bevor er sich der Fotografie zuwandte, verwundert kaum angesichts derart subtiler, malerischer Erscheinungen. Nicht zuletzt spielte das Fenster auch für die Malerei eine große Rolle, galt es doch als Anschauungsmodell für das perspektivische Bild in der Renaissance.


Ergänzt hat der in Groningen lebende Künstler seine Ausstellung um zwei weitere, thematisch verwandte Fotoserien. Da sind zunächst die schwarz-weißen „Playhouses“, die Spielplatzhäuser mit Türen und Fenstern in typologischer Reihung zeigen. Und da ist „Silica“, Vorläufer von „Silica Valley“, bestehend aus 21 Aufnahmen von identischem Format. Hier ist Bosch einen Schritt zurückgetreten, um statt einzelner Fenster Ausschnitte von Miethäusern zu fotografieren, die sich auf der Wand zu einem kompakten „Wohn-Block“ verdichten. Und wieder spürt man den Blick des Malers im Fokus der Kamera, denn bei allem Reichtum an Details verwandeln sich die alltäglichen Architekturen in eine große, fast abstrakte Komposition aus Rastern und farbigen Flächen.

Stefan Rasche

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